Allein sein musste ich nie lernen – aber für mich selbst zu leben schon

Allein sein musste ich nie lernen – aber für mich selbst zu leben schon

Seit meiner Geburt war ich fast nie wirklich allein.

Als Kind war ich umgeben von einer großen Familie: Großeltern, Eltern, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, Geschwistern und Nachbarn. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der immer Menschen da waren. Wir waren fünf Geschwister, und meine Eltern haben mich mein Leben lang begleitet – mal aus der Nähe, mal aus der Ferne.

Später heiratete ich.

Auch dort war ich wieder Teil einer großen Familie. Mein damaliger Mann hatte Eltern, vier Brüder und eine Schwester. Jeder hatte seine eigene Familie. Es war immer etwas los. Es gab Menschen, Stimmen, Aufgaben, Erwartungen und Verantwortung.

Was ich damit sagen möchte: Ich war nie wirklich allein.

Als ich meinen ersten Mann verlassen habe, hatte ich meine Kinder, meine Eltern und meine Geschwister in meiner Nähe. Auch wenn vieles schwer war, war ich nicht ganz allein. Ich musste stark sein, aber ich hatte Menschen um mich herum.

Als meine Kinder älter wurden, dachte ich irgendwann, dass ich noch einmal heiraten könnte.

Ich wollte nicht allein bleiben. Ich wollte wieder ein Zuhause, eine Partnerschaft und vielleicht ein gemeinsames Leben. Also habe ich noch einmal geheiratet.

Aber es war die falsche Person.

Wir passten nicht zusammen. Auch in dieser Beziehung wurde ich nicht so behandelt, wie ein Mensch behandelt werden sollte. Es gab wieder Verletzungen, Enttäuschungen und Schmerz. Er hatte auch zwei Kinder, und wieder war das Haus voll. Wieder gab es Menschen, Verantwortung und Unruhe.

Irgendwann habe ich entschieden, auch diese Beziehung zu verlassen.

Meine Söhne waren längst aus dem Haus. Meine Tochter wollte ihr eigenes Leben führen und nicht mit mir zusammenwohnen. Ich bin zurück nach NRW gezogen, um in ihrer Nähe zu sein und sie zu unterstützen.

Aber sie wollte nicht, dass wir zusammenleben.

Also musste ich eine kleine Wohnung nehmen und hierherziehen.

Und jetzt wohne ich zum ersten Mal wirklich allein.

Oder fast allein.

Denn Kali ist bei mir.

Kali ist nicht einfach nur mein Hund. Er ist mein kleiner Begleiter im Alltag. Er ist da, wenn die Wohnung still ist. Er geht mit mir raus, bringt Struktur in meinen Tag und erinnert mich daran, dass ich nicht nur sitzen und nachdenken soll. Durch ihn stehe ich auf, gehe spazieren, sehe Menschen, atme frische Luft und spüre, dass Leben auch in kleinen Momenten stattfinden kann.

Manchmal sagt ein Tier kein einziges Wort – und trotzdem fühlt man sich weniger allein.

Kali hat mich in vielen Phasen begleitet. Er kennt meine stillen Tage, meine unruhigen Gedanken und meine kleinen Neuanfänge. Über ihn könnte ich viele Geschichten erzählen. Und ich glaube, auch diese Geschichten bekommen ihren Platz in Rinas Welt.

Trotzdem ist dieses neue Leben für mich nicht leicht.

Ich muss lernen, morgens nicht mehr für eine große Familie aufzustehen, sondern für mich selbst. Ich muss lernen, für mich allein zu kochen. Ich muss lernen, Entscheidungen nur für mich zu treffen. Ich muss lernen, dass Stille nicht immer Leere bedeutet.

Manchmal fällt mir das schwer.

Es gibt Tage, an denen sich die Wohnung zu ruhig anfühlt. Tage, an denen ich mich frage, wohin ich gehöre. Tage, an denen ich spüre, dass ich mein ganzes Leben lang für andere funktioniert habe – und jetzt erst lernen muss, für mich selbst da zu sein.

Aber vielleicht ist genau das mein neuer Weg.

Vielleicht bedeutet allein leben nicht, verlassen zu sein.

Vielleicht bedeutet es, sich selbst endlich kennenzulernen.

Ich lerne gerade, mein Leben neu zu ordnen. Ohne großes Haus voller Menschen. Ohne ständige Aufgaben für andere. Ohne den Druck, immer stark sein zu müssen.

Ich lerne, mir selbst Gesellschaft zu leisten.

Ich lerne, mein Zuhause für mich schön zu machen.

Ich lerne, dass mein Leben auch dann wertvoll ist, wenn gerade niemand neben mir sitzt.

Und ich lerne, dass Begleitung manchmal ganz anders aussieht, als man früher dachte.

Manchmal ist es kein Mensch, der neben einem sitzt.

Manchmal ist es ein Hund, der einen anschaut, als wollte er sagen:
„Komm, wir gehen weiter.“

Allein sein musste ich nie lernen.

Aber für mich selbst zu leben – das lerne ich jetzt.

Und Kali geht diesen Weg mit mir.

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